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23.08.2015

Dr. Stefan Lenz berät: Ich bin zu dick, was nun?

adipositatsLange Zeit hat man in Deutschland mit dem Finger auf die USA gezeigt und über die extreme Fettleibigkeit gestaunt, die viele Amerikaner an den Tag legen. In der Tat gibt es in den Vergnügungsparks längst eigene Achterbahnwagons, die spezielle Sitzplätze in deutlicher Überbreite anbieten.

Doch zusammen mit dem extrem kalorienreichen Fastfood der Amerikaner sind auch die damit einhergehenden Probleme über den großen Teich geschwappt. Dr. Stefan Lenz, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Klinik Nauen: „In vielen Dingen machen wir in Deutschland genau die Entwicklungen durch, die wir vorher in den USA beobachten konnten – nur eben um 10 bis 15 Jahre verzögert. Das ist auch bei der extremen Fettleibigkeit so, der Adipositas. Die Anzahl der Fettsüchtigen mit einem Body-Mass-Index weit über 30 nimmt leider immer weiter zu. Zwar nimmt bei uns die Zahl der Superübergewichtigen noch nicht so zu wie in den USA. Aber dafür haben wir sehr viele Schwergewichtige.“

In der Steinzeit wären genau diese Menschen die Helden gewesen. Als „gute Futterverwerter“ hätten sie das Meiste aus der kargen Nahrung herausgeholt und könnten mit ihrem Speck so manchen harten Winter überstehen. In unserer aktuellen Zeit ist eine gute Verwertung der Nahrung allerdings ein Nachteil. Dr. Lenz: „Heute ist unsere Nahrung extrem energiereich. Wir nehmen, wenn wir nicht genau aufpassen, leicht ein Vielfaches der Kalorien zu uns, die wir zum Leben brauchen. Hinzu kommt, dass wir eigentlich ständig die Möglichkeit haben, an Essen zu gelangen. Und wir werden dabei auch noch in Versuchung geführt. Allein bei einem Besuch an der Tankstelle müssen wir an endlosen Metern mit Knabberkram und Leckereien vorbei zur Kasse gehen. Das ist selbst im Kino nicht anders: Ohne Popcorn oder Nachos lässt sich ein solcher Abend kaum überstehen.“

Wer zu viele Kilos auf den Rippen hat, bemerkt dies schnell an der Reaktion seiner Umwelt. Niemand sagt einem, dass man lispelt, eine Glatze bekommt oder unter Pickeln leidet. Aber jeder klatscht einem ungefragt auf den Bauch und sagt: „Na, dir scheint es ja zu schmecken.“ So leiden viele Schwergewichtige am Mobbing und darauf basierend an einem schwindenden Selbstwertgefühl. Die oft festgestellte Reaktion: Noch mehr futtern.

Dr. Stefan Lenz: „Natürlich ist ein starkes Übergewicht auch gesundheitsbedrohlich. Oft entwickelt sich ein Bluthochdruck, der unerkannt und unbehandelt schwere körperliche Schäden anrichten kann, die nicht mehr zu reparieren sind. Unter Übergewicht kann sich auch ein Diabetes Typ II entwickeln. Und es kann zu Störungen im Fettstoffwechsel oder zu einer gefährlichen Schlaf-Apnoe kommen.“

Dr. Stefan Lenz kümmert sich in der Klinik Nauen um die bariatrische Chirurgie. Barios ist griechisch und bedeutet „Schwere“. Das bedeutet, dass in Nauen Operationen durchgeführt werden, um den Magen der Übergewichtigen zu verkleinern. Das ist das letzte Mittel, wenn alle anderen Versuche und Therapien zuvor versagt haben.

Eine Operation ist angesagt, medizinisch sinnvoll und wird auch von den Krankenkassen finanziert, wenn ein krankhaftes Übergewicht vorliegt. Dr. Lenz: „Wir denken über eine Operation nach, wenn der Patient einen BMI über 35 aufweist und bereits deutliche Begleiterkrankungen wie etwa einen Bluthochdruck oder einen Diabetes vom Typ II hat. Liegen diese Beschwerden nicht vor, so raten wir bei einem BMI oberhalb der 40 zu einer unterstützenden Operation.“

Kurs: Ernährungs- und Verhaltenstraining

Niemand rät zu einer Operation, wenn es nicht vielleicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt. Tatsächlich ist die OP der letzte Ausweg.

Der klassische Weg zu einer OP: Der Patient muss nachweisen, dass er wenigstens sechs Monate lang versucht hat, aus eigener Kraft abzunehmen – und zwar multimodal, also mit einer Verhaltenstherapie, einer Bewegungstherapie und einer Ernährungsberatung.

Aus diesem Grund bietet die Klinik Nauen als Adipositas-Zentrum selbst einen speziellen Kurs mit einem Ernährungs- und einem Verhaltenstraining an, der von Übergewichtigen gebucht werden kann. Sechs bis acht Teilnehmer nehmen an 12 Einheiten à 90 Minuten teil. Hier geht es u.a. darum, seine Ernährung umzustellen und auch das eigene Eßverhalten umzuschulen.

Dr. Stefan Lenz: „So mancher Kursteilnehmer hat bereits aufgrund seiner Zeit in der Gruppe sein Leben so ändern können, dass die Pfunde auch ohne Operation gepurzelt sind. Das ist natürlich toll. Mehr Sport und Bewegung, eine andere Ernährung, ein planvolles Essen, das wirkt oft Wunder. Aber nicht jeder schafft es, diesen Weg zu gehen. Wenn nichts anderes mehr geht, dann hilft eben nur noch die Operation. Begleitend zum Kurs kann von uns ein dafür notwendiges psychiatrisches Gutachten erstellt werden.“

Seit einem Jahr ist es übrigens möglich, auch ohne den nachgewiesenen Abnehmversuch auf eine OP zu drängen – nämlich dann, wenn der BMI über 50 liegt, wenn es schwere Begleiterscheinungen gibt oder wenn keinerlei sportliche Betätigung mehr möglich ist.

Dr. Stefan Lenz: „Wir stellen fest, dass deutlich mehr Frauen als Männer einen Weg aus der Fettleibigkeit suchen. Das liegt, so denke ich, daran, dass Frauen häufig einen größeren Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen – und nicht daran, dass Frauen häufiger an der Fettleibigkeit erkranken als die Männer. Das Verhältnis liegt bei 4 zu 1. In der Regel sind es Frauen ab 40, die den Weg zu uns suchen. Leider kommen die Patienten in Deutschland noch immer viel zu spät zu uns, also in einem zu hohen Alter in einem bereits deutlich ausgeprägten Stadium. Sie sind demnach zu alt und zu krank. In den Niederlanden sind die Ärzte deutlich weiter, hier wird das Übergewicht schon deutlich früher bekämpft.“

Operation: Schlauchmagen oder Magen-Bypass?

Was passiert eigentlich mit mir, wenn es zu einer Operation kommt? Nun, das Ziel eines Eingriffs ist immer der Magen. Das klassische Magenband ist allerdings aus der Mode gekommen. Diese Operation wird nur noch ganz selten durchgeführt.

Deutlich verbreiteter ist der Eingriff, der zu einem „Schlauchmagen“ führt. Bei einem Schlauchmagen wird ein großer Teil des Magens von oben nach unten führend entfernt. Der Rest wird wieder vernäht. Der Magen wird so deutlich schlanker. Er erinnert nun nicht mehr an eine Bohne, sondern eher an eine Banane. Das Aufnahmevolumen im Magen beträgt in der Folge nur noch 200 Milliliter. Das ist noch immer mehr als bei einem Magenband. Trotzdem ist die Operation mit dem Schlauchmagen erfolgreicher – der Patient nimmt deutlich mehr Kilos ab. Dr. Lenz: „Hier wird eifrig geforscht. Man geht davon aus, dass im entfernten Magenbereich Hormone gebildet werden, die das Hungergefühl ankurbeln. Fehlen diese Hormone, ist man schneller satt. Und isst nicht mehr so viel. Nicht, weil man nicht mehr kann, sondern, weil man gar nicht das Verlangen danach hat.“

Eine deutlich größere Operation steht an, wenn es um einen „Magenbypass“ geht. Hier bleibt nach der OP nur der obere Teil des Magens übrig. Er wird über einen „Bypass“, der aus einem Stück umgeleiteten Dünndarm besteht, direkt an den Darm angenäht. Der Effekt ist hier, dass der Magen verkleinert, zugleich aber auch der Weg der Nahrung durch den Darm um anderthalb Meter verkürzt wird. Die Säfte der Gallenblase und der Bauchspeicheldrüse kommen auch erst viel später zum Nahrungsbrei hinzu. Dr. Stefan Lenz: „Salopp gesagt ist es so: Das Wenige, was man noch an Nahrung zu sich nimmt, wird deutlich schlechter verdaut.“

Die Abnehmwirkung durch eine solche Wirkung ist enorm, schnell purzeln 30 Kilo und mehr. Allerdings gibt es beim Magenbypass auch mehr Probleme. Dr. Lenz: „Manchen Patienten wird nach dem Essen kurz schwummrig, weil der Insulinspiegel im Vergleich zur aufgenommenen Menge zu stark steigt. Auch muss man deutlich häufiger auf die Toilette und dann auch brandeilig, was natürlich zu einem Problem werden kann, wenn man als Briefträger arbeitet.“

Erstaunlich ist, dass die Adipositas-Operationen alle minimalinvasiv durchgeführt werden. Die Patienten können bereits am Tag nach der Operation etwas trinken und das Krankenhaus nach vier bis fünf Tagen verlassen. Nach 14 Tagen gilt die chirurgische Heilung als abgeschlossen. Dr. Lenz: „Die OP-Schnitte verheilen sehr schnell. Man muss nach der Heilphase gar nicht mehr so sehr Rücksicht nehmen. Sport ist also ohne Probleme möglich. Man muss nur einige Dinge beim Essen meiden, etwa faserreiche Nahrung.“

Und er erklärt: „Die Operation eines besonders fettleibigen Menschen ist alles andere als einfach, da das Fettgewebe ständig im Weg ist. Aus diesem Grund sind die Adipositas-Operationen so etwas wie der Motor der minimalinvasiven Technik. Viele Probleme, die wir mit neuen Instrumenten und anderen Techniken aus dem Weg geräumt haben, finden nun auch in der übrigen Medizin Verwendung. Denn wenn Sie bei einem schwergewichtigen Menschen die Gallenblase entfernen müssen, dann stehen Sie als Operateur vor einer ganz neuen Herausforderung.“

Noch steht Deutschland weit hinter den anderen europäischen Ländern zurück, wenn es um die Adipositas-Operationen geht. Dr. Lenz: „In den Niederlanden werden inzwischen genauso viele Operationen durchgeführt wie in Deutschland – nur, dass die Niederlande eben deutlich kleiner sind als unser Land.“

Neu: Kurse für Schwergewichtige ohne OP-Willen

Dr. Lenz: „Als Adipositas-Zentrum stellen wir eine Operation nicht als einzige Möglichkeit in den Mittelpunkt. Aus diesem Grund bieten wir neu einen Kurs an, der von allen Übergewichtigen genutzt werden kann, für die eine Operation in keinem Fall in Frage kommt.“

Hier kommen zwei Modelle zum Einsatz. Ein Kurs geht über ein ganzes Jahr und richtet sich an Patienten, die viel Zeit investieren möchten und können. Hier werden zwei Termine in der Woche angeboten. Der andere Kurs dauert nur ein halbes Jahr – mit nur einem Termin in der Woche.
Innerhalb der Kurse kommen viele praktische Elemente zum Einsatz. Hier geht es dann etwa darum, gemeinsam einen Wochenmarkt zu besuchen oder zusammen etwas in einer Showküche zu kochen.

Dr. Stefan Lenz: „Wir sind in Nauen sehr gut aufgestellt, was die Adipositas-Behandlung anbelangt. Wir haben auch eine Selbsthilfegruppe. Ziel muss es immer sein, eine individuelle Lösung für jeden einzelnen Patienten zu finden.“ (Text/Foto: CS)

Info: Havelland Kliniken GmbH, Klinik Nauen, Ketziner Straße 21, 14641 Nauen, Tel.: 03321-42-1200, www.havelland-kliniken.de, stefan.lenz@havelland-kliniken.de

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