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01.08.2017

Scheibes Kolumne: Schock an der Supermarktkasse

Letztens stand ich an der Kasse meines bevorzugten Supermarktes an und wuchtete die Einkäufe auf das Band. Dabei wanderte mein Blick über die Auslagen an der Kasse, vornehmlich über das bunte Kaugummiangebot. Und dann erschrak ich. Heftig. Denn auf Augenhöhe blickte mir plötzlich Freddy Krueger entgegen, der entstellte Killer aus dem Horrorfilm „Nightmare on Elm Street“.

Hatten die Verantwortlichen mal wieder den ganzen Supermarkt umgebaut und die Videoabteilung kurzerhand in den Kassenbereich verschoben? Mitnichten. Mein Blick hatte sich in die Zigarettenauslage verirrt. Auf den Schachteln waren großflächig Bilder zu sehen, die man keinem Medizinstudenten im ersten Semester zumuten würde. Teerschwarze Lungen. Klaffende Löcher im Halsbereich. Blutige Geschwüre.

Auf den Zigarettenschachteln prangt inzwischen das visuelle Schreckenskabinett der Medizin. Hartgesottene Raucher nennen es das „Sammelalbum der Süchtigen“, verstecken ihre frisch gekauften Schachteln dann aber doch lieber in bunten Papp-Überziehern, die es inzwischen an jeder Tankstelle zu kaufen gibt.

Bilder, wie sie heute an jeder Kasse zu sehen sind, hätten noch vor gar nicht so langer Zeit dafür gesorgt, dass die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ eingesprungen wäre. Die noch vor einigen Jahren unerbittlich Horrorfilme auf den Index gesetzt hat, die deutlich harmlosere Schreckensfantasien zu Bildern verarbeitet haben.

Natürlich sind die wuchernden Tumore auf den Zigarettenschachteln nur gut gemeint. Sie sollen Raucher vom Kauf neuer Tabakwaren abhalten. Oder im noch besseren Fall angehende Raucher vom Erwerb ihrer allerersten Packung abschrecken. Aber: Warum muss der gesamte Rest der Nation beim Bezahlen von leckeren Lebensmitteln an der Kasse plötzlich von einem spontan auftretenden Würgereiz geplagt werden – und sich die ekligen Medizinbilder anschauen? Hat der nicht-rauchende Bürger nicht das Recht dazu, von diesen Aufnahmen verschont zu werden? Ist es nicht tausendmal sinnvoller, die Zigaretten lieber an einem entlegenen Ort im Supermarkt zu präsentieren, an dem eben nicht jeder Kunde zwingend vorbeilaufen muss?

Hinzu kommt, dass gerade auf den großen Tabakdosen und Tüten mit losem Tabak zum Selberdrehen die Schockbilder fast in Postergröße aufgedruckt sind. Kleine Kinder werden so ohne Not beim Wocheneinkauf mit üblen Alpträumen traumatisiert, die man ihnen im Kino auf keinen Fall zumuten würde.

Warum tut man also dem Kunden das visuelle Bad in den pathologischen Aufnahmen an? Weil man die böse Droge Nikotin gern für immer verbannen würde, gleichzeitig aber nicht auf die Einnahmen aus dem Verkauf und aus den Steuern verzichten kann. Das ist schizophren und ein Spagat, der wehtut.

Und die Anbieter von Wein, Bier, Schnaps und Cocktails hoffen mucksmäuschenstill darauf, dass es ihnen nicht allzu bald genauso ergeht.

Auf dass das schweifende Auge der Rechtsprechung nicht auch auf ihren wunderschön und edel gestalteten Etiketten kleben bleibt, um hier vielleicht schon in naher Zukunft schonungslose Aufnahmen von aufgedunsenen Alkoholiker-Gesichtern anstatt von geschwungenen Schriftzügen zu präsentieren. Was so manchen romantischen Abend bei Kerzenschein und einem Glas Rotwein im Keim zunichte machen würde.

Natürlich wäre diese staatlich verordnete Abschreckungskur auch für andere Bereiche denkbar, in denen Gefahren drohen. Man kann damit auch gar nicht früh genug anfangen. Auf den Tretroller des Nachwuchses gehören plakative Nahaufnahmen von aufgeschürften Knien. Auf die Schokolade Bilder von adipösen Kindern. Und auf die Plakate der Bundesbahn Aufnahmen von einer Uhr, naja, ihr wisst schon, warum.

Aber das ist ja alles noch Science-Fiction. Zunächst hat es ja nur die Zigarettenindus­trie getroffen.
Beim nächsten Einkauf trag ich jedenfalls eine Sonnenbrille mit Scheuklappen, damit ich mir die übergroßen Ekelbilder auf den Tabakdosen nicht mehr länger anschauen muss. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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