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25.08.2017

Scheibes Kolumne: Angriff der Killerschnecken

Ich habe leider keinen Grünen Daumen. Pflanzen tendieren in meiner Nähe zum selbstgewählten Freitod, ganz egal, wie viel Licht, Wasser und Dünger zur Verfügung steht. Ich nehme das längst nicht mehr persönlich. Es ist sicherlich die vegane Rache für meinen Spruch im Biologiestudium, dass Botanik die Lehre vom Tierfutter ist.

Ganz egal, ob Bonsai, Zimmerpalme, Weihnachtsstern, Orchidee oder Kaktus: Was grün ist, hält in meiner Umgebung keine einzige Jahreszeit durch. Ganz in diesem Sinne übernehmen stattdessen lustig bedruckte Tassen, Sparschweine, leere Flaschen und Millionen von hastig beschrifteten Notizzetteln die Aufgabe der Dekoration in meinem Arbeitsraum.

Aber: Vom Büro aus geht es direkt hinaus in den Garten. Rings um eine Terrasse ist in den letzten Jahren ein früher liebevoll gepflegtes Beet verwildert, sodass hier nur noch Ranken, Schachtelhalme und andere unerwünschte Pflanzengäste zu finden waren. Da ich gern koche, habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden – und nach einem fröhlichen Gemetzel ein Kräuterbeet angelegt. Thymian, Rosmarin, mehrere Arten Minze, Salbei und Frühlingszwiebeln wachsen hier nun munter vor sich hin. Anscheinend reicht mein pflanzenmordender Einfluss nicht über die Bürotür hinaus auf die Terrasse. So erfreue ich mich jeden Tag an der Wuchsfreudigkeit der nützlichen Pflanzen, die über kurz oder lang in meiner Bratpfanne landen sollen.

Doch dem zarten Grün dräut eine neue Gefahr für Blatt und Stängel. Denn in unserem Garten vermehrt sich nur eine Sache richtig gut – und das sind die Nacktschnecken. Zu Hunderten schwärmen sie in den Abendstunden aus, um mit ihrer raspelscharfen Radula alles zu zermalmen und zu vertilgen, was aus Chlorophyll besteht. Dabei rücken die schleimigen Schlingel fast schon in Formation an, wobei die kleineren Exemplare anscheinend den Späher machen, um den fingerlangen Kräutervernichtern den Weg zu den besonders leckeren Pflanzen zu weisen.

Schnell habe ich einen Post auf Facebook abgesetzt und die virtuellen Gartenfreunde um Ratschläge gebeten. Schneckenkorn soll ich auslegen, um die Schleimer qualvoll zu vernichten. Aber in meinen Garten kommt kein Gift. Und so soll ich Holzspäne ausstreuen, wie das die Erdbeerbauern machen. Oder Kaffeebohnenhülsen, die man im Gartenbedarf kaufen kann. Ein Kupferkabel, um das Beet herum in Schneckenaugenhöhe gespannt, soll ebenfalls helfen. Naja, vielleicht, wenn ich da Strom anlege? Ein moderner Kuhzaun für Wirbellose, das wäre es doch?

Während ich noch die Möglichkeiten abwäge, haben die Nacktschnecken besonderes Interesse an meiner Ananas-Minze gefunden. Im Dutzend machen sie sich über die zart aromatisierten Blätter her, die doch eigentlich in meine Wasserflasche gehören. Wütend stelle ich eine Bierfalle auf, in der die garstigen Fressmaschinen auch zuhauf zugrunde gehen. Aber ist das nicht zu barbarisch? Das schöne Bier so zu vergeuden? Auch stinkt die Brühe zum Himmel. Das kann doch keine Lösung sein.

Das Internet empfiehlt mir als Hausmittel, die Schnecken zu sammeln und einzufrieren, sie mit dem Hammer zu erschlagen, sie mit der Schere zu zerteilen oder sie mit Salz zu bestreuen. Das ist ja widerlich. Immerhin lerne ich, dass nur die einfarbig rotbraunen Nacktschnecken meinen Kräutern gefährlich werden. Die schwarz-grau getigerten sind sogenannte Schnegel – und die fressen die bösen Nacktschnecken auf. Sehr gut. Nur leider sind sie damit nicht schnell genug.

Nach langem Hin und Her und einem schwindenden Kräuterbestand habe ich nun die Lösung gefunden. Abends binde ich mir das rote Rambo-Stirnband um, trage mit etwas öliger Asche eine Kriegsbemalung auf die Wangen auf, schnappe mir die Taschenlampe und – ziehe in den Krieg. Meist nagen dann schon wieder zwanzig, dreißig Nacktschnecken an meinen Kräutern. Ich greife sie mit beherzter Hand, laufe zum hinteren Ende des Grundstücks und werfe sie weit über den Zaun – und über den hier entlanglaufenden Graben hinweg. Ha! Lernt schwimmen, ihr Schleimkriecher!

Ich habe aber das unangenehme Gefühl, dass die gefräßige Horde längst die Brücke gefunden hat, die 600 Meter weiter über den Graben führt. Denn am nächsten Abend sind sie alle wieder da. Und der Kampf beginnt von vorn. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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