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10.04.2009

Die Wahrheit kommt gewaltig!

angerDas Creativ Zentrum „Haus am Anger“ in Falkensee ist bekannt für das etwas Andere. Und dieses Andere wird auch gebraucht, wie sich neulich wieder einmal bestätigt hat. Während in den letzten Wochen überall das leidige Thema Gewalt unter Jugendlichen in Folge des Amoklaufs in Winnenden hitzig und zumeist parteipolitisch hoch und runter diskutiert wurde – wobei in diesen Diskussionen meist die Lautstärke überwog – lud am letzten Dienstag das Haus am Anger Schüler der 10. Klasse des Kooperationspartners Gesamtschule „Immanuel Kant“ mit gymnasialer Oberstufe ein, um ihnen ein theaterpädagogisches Projekt, bestehend aus Video- und Gesangssequenzen von jungen Männern, zu präsentieren, die aufgrund von Gewalttaten straffällig geworden sind und in der Justizvollzugsanstalt Wriezen einsitzen.

In diesem Projekt kamen junge Männer zu Wort, die Gewalt selbst erlebt und ausgeübt haben. Sie berichteten in den Videosequenzen und den Rapsongs von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, von ihren Gedanken und Gefühlen, von ihren Ängsten und Träumen. Sie reflektierten auch den Umgang der Gesellschaft mit ihnen, den Straffälligen, die hinter Mauern weggesperrt werden. Auf diese Weise erhielt ihre Darstellung auch eine gesellschaftspolitische Dimension.

Die gesellschaftspolitische Dimension ergab sich im Projekt auch daraus, dass zwei Perspektiven auf das Thema Gewalt und Strafvollzug anvisiert wurden. Da gibt es einerseits die Inhaftierten der JVA Wriezen („Söhne in Ketten“), die sich zu den oben genannten Themen äußern, andererseits aber auch eine Gruppe von zukünftigen Azubis des KOMET RDH Wriezen („Wriezener Hochleistungschiller“), die ihrerseits eine Annäherung an die Themen „von außen“ versuchen. Die „Hochleistungschiller“ bringen in ihren Beiträgen Befragungen von Wriezener Bürgern und eigene Ansichten ein. Diese werden dann kontrastiert mit jenen der Insassen der JVA. Am Ende steht eine Art Synthese, die sich äußerlich darin zeigt, dass es zu einer Begegnung und einem realen Austausch zwischen den Inhaftierten und den zukünftigen Azubis kommt.

Die im Haus am Anger von zwei Projektteilnehmern der JVA und der Projektleiterin Kirsten Mohri präsentierten Ergebnisse basieren auf einer Arbeit von etwa einem halben Jahr. Die ausgewählten Filmsequenzen, die Rapsongs und die Kommentare der Beiträge waren dazu angelegt, das Oberthema Gewalt zu reflektieren. Diese Reflektion erfolgte auch, wie es der Titel schon ankündigt „gewaltig“. Es ging um nichts weniger als die „Wahrheit“ hinter dem Phänomen Gewalt, ungeschminkt, authentisch, von Leuten reflektiert, die es wissen müssen. Die „Wahrheit“, die am Ende durchschimmerte, war die, dass Gewalt nicht das Andere ist, also das, was die Anderen tun und was man mit Wegsperren lösen könnte, sondern das, was durchaus in jedem latent schlummert und unter gewissen Umständen bei dem einen oder anderen zum Ausbruch kommt. Wie sagte doch einer der Azubis: „Der Unterschied zwischen denen im Knast und uns ist oft nur der, dass sie erwischt wurden.“

Zugegeben, eine etwas krasse Meinung. Aber das Bewusstsein von der Gefahr, die von der Gewalt ausgeht, entweder indem man sie selbst anwendet oder auch nur billigt, kann hilfreich sein, kann schützen. Wenn die jungen Zuschauer dies am Ende mitgenommen haben, ist schon viel erreicht. Wenn sie weiter die Ehrlichkeit und Offenheit gespürt haben, mit der die Projektteilnehmer über ihre „Schwachstellen“ gesprochen haben, immerhin Tabuthemen in einer Gesellschaft, in der „Schwächen“ nicht gerne öffentlich gezeigt und darüber hinaus Straffällige schnell stigmatisiert werden, ist es noch besser. Hier haben sich die Darsteller als wahre Vorbilder gezeigt, wie man Probleme mit Mut und Ehrlichkeit angeht, anstatt zu kneifen und sie unter den Tisch zu kehren.

Schließlich ist da noch die Erkenntnis, dass Kunst was leisten kann, was sonst kaum möglich scheint. Sich nämlich so auszudrücken, dass man nicht nur verstanden sondern auch angenommen wird. Vor allem durch die Songs gelang es den beiden Häftlingen einen Zugang zu den Menschen vor ihnen zu finden. Wir können nur hoffen und wünschen, dass das positive Echo sie darin bestärkt, auf dem beschrittenen Weg weiter zu machen.

Wir danken allen Beteiligten für die gelungene Veranstaltung.

Erich Guist
Kantschule

Bild: Kantschule
BU: Zwei Projektteilnehmer aus der JVA

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