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14.12.2018

Großer Report: Jahrhunderthitze im Havelland

Großer Report: Jahrhunderthitze im Havelland

Nachdem das Havelland im letztjährigen Sommer noch unter viel zu viel Wasser von oben litt, gab es in diesem Jahr viel zu wenig Regen – eigentlich gar keinen. Stattdessen sorgten lang anhaltende Temperaturextreme weit über 30 und stellenweise sogar über 40 Grad für große Probleme: Im gefühlten „Jahrhundertsommer“ trockneten die Seen und die Flüsse aus, darbten die Bauern …

… und wurden die Anwohner gebeten, doch bitte die Straßenbäume mit zu gießen, damit sie die lang anhaltende Dürreperiode überleben.

Im Nachgang zur flimmernden Hitze sprach FALKENSEE.aktuell mit vielen Betroffenen aus der Region, um herauszuarbeiten, welche Schäden und Probleme die Hitzemonate ohne Regen verursacht haben.

Günter Fredrich – OWA – Wasserwerk Falkensee

Günter Fredrich ist Geschäftsführer der OWA (Osthavelländische Trinkwasserversorgung und Abwasserbehandlung GmbH) – und damit zuständig für die Belieferung der regionalen Haushalte mit frischem Trinkwasser. Wichtig war uns hier vor allem die Nachfrage, ob die OWA über ausreichend Wasserreserven verfügt, um dem steigenden Wasserbedarf etwa zum Wässern der Gärten begegnen zu können.

Günter Fredrich: „Die große Hitzewelle stellte auch für die Gewährleistung der Trinkwasserversorgung eine große Herausforderung dar. Dennoch gab es in den Versorgungsgebieten der OWA keine Versorgungsbeeinträchtigungen. Die Versorgung nach Menge und Druck sowie nach der Qualität des Wassers war zu allen Zeiten gewährleistet.

Im Wasserwerk Staaken, das für die Versorgung von Falkensee, Schönwalde und Hennigsdorf zuständig ist, hat sich seit dem Mai diesen Jahres die Abgabe in das Versorgungsnetz nahezu verdoppelt. In den Abendstunden stieg der Bedarf auf bis zu 350 Prozent im Vergleich zu „normalen“ Zeiten an. Per 31. Juli 2018 wurden im gesamten Einzugsbereich der OWA deutlich mehr als eine halbe Million Kubikmeter Trinkwasser verkauft (zum Vergleich: das sind 500.000.000 Liter oder 50.000.000 Eimer Wasser). Möglich ist das, weil über unser Prozessleitsystem eine permanente Erfassung des Verbrauchsverhaltens im Versorgungsnetz vorgenommen wird. So können wir gezielt unsere Pumpen justieren, die das Trinkwasser ins Netz pumpen, und die Förderleistung minütlich anpassen.

Insofern vereinzelte Beschwerden wegen eines mangelnden Wasserdrucks in den Rohren an uns herangetragen wurden, so lag das fast immer an nicht gewarteten Wasserfiltern der Hausinstallation, wofür der Kunde selbst zuständig ist.

Auch das Wasserangebot (wir gewinnen Grundwasser aus Tiefen zwischen 30 und 100 Metern) war durch den Spitzenbedarf nicht gefährdet – in unserem Bereich verfügen wir über ausreichend Wasserreserven. Wassersparende Maßnahmen wie Sprengverbote für den Garten, die in anderen Orten bereits ausgesprochen wurde, waren bei uns nicht notwendig. Selbstverständlich soll dies aber kein Aufruf zur Wasserverschwendung sein.“

Heiko Müller – Bürgermeister Falkensee

Wie reagiert eigentlich eine Stadt auf die brütende Hitze und den Wassermangel für das öffentliche Grün? Und bietet das sonnige Wetter nicht vielleicht auch Vorteile für die Bürger? Wir haben Heiko Müller, Bürgermeister von Falkensee, um einen exklusiven Bericht gebeten.

Heiko Müller: „Lange Zeit haben sich die Bürgerinnen und Bürger in unserer Region nach einem sonnenreichen Sommer gesehnt. In diesem Jahr haben wir ihn bekommen – verbunden allerdings mit einer Hitzewelle, wie sie auch Falkensee schon lange nicht mehr zu verzeichnen hatte.

Insbesondere für viele Familien, die in den Sommerferien daheim geblieben sind, hätte es eigentlich nicht besser laufen können. Das gute Wetter ermöglichte auch zu Hause abwechslungsreiche Ferien. Eine gute Gelegenheit, um sich abzukühlen, bot etwa das Falkenseer Waldbad. 30 Prozent höhere Besucherzahlen hatte das Bad in diesem Sommer zu verzeichnen. Die Hitze wirkte sich dabei jedoch nicht nur positiv aus. Sie erschwerte die Wasseraufbereitung. Hinzu kam durch die erhöhte Nutzung ein vermehrter Schmutzeintrag in die Becken. Davon merken die Badegäste jedoch wenig, da sich das Team des Waldbades jeden Tag um die ordnungsgemäße Reinigung und somit um einen lange anhaltenden Badespaß kümmerte. Noch ein positiver Ausblick für alle Schwimm-Fans: Wenn das Wetter weiterhin so bleibt, besteht auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, dass das Waldbad bis in den September hinein geöffnet bleibt.

Während Mensch und Tier sich im kühlen Nass abkühlen konnten, litten die Pflanzen und Bäume in unserer sonst so grünen Stadt unter der Trockenheit und der extremen Sonneneinstrahlung. Auf den ersten Blick wurde das vor allem an den vielen braunen Blättern, die die Bäume bereits abgeworfen haben, ersichtlich. Täglich waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fachbereichs Grünflächen der Stadt Falkensee mit zwei Trupps zum Wässern im Stadtgebiet unterwegs. Sie gossen Blumenkübel und Stauden und versorgten die rund 1.250 Jungbäume, für die die Stadt zuständig ist.

Auch die Feuerwehr unterstützte uns dabei. Sie wässerte u.a. die Bäume entlang der Finkenkruger Straße sowie die Mittelinsel vor der Bäckerei Thonke und den Kreisverkehr in der Nauener Straße. Bei der Bewässerung allein der Bahnhofstraße setzte sie so etwa bis zu 15.000 Liter Wasser am Tag ein. Dieses Wasser wurde aus den Flachspiegelbrunnen im Stadtgebiet entnommen. Außerdem befüllte die Feuerwehr mindestens einmal in der Woche den Tank an der BMX-Anlage in der Essener Straße – für die Mädchen und Jungen der Anlage, die dort immer wieder an den Hügeln ihre Sprungelemente bauen, und auch für die Baumschutzgruppe, die vor Ort den Kinderstadtwald wässert.
Auf den städtischen Friedhöfen waren außerdem täglich die vorhandenen Bewässerungsanlagen eingeschaltet und auch alle Sprenger und Gießkannen waren im Einsatz, damit die Grünflächen und Grabanlagen nicht austrocknen und trotz anhaltender Trockenheit einen gepflegten Eindruck vermitteln.

Außerdem waren zahlreiche Pflanzfirmen im Stadtgebiet unterwegs, um ihre rund 1.300 gepflanzten Jungbäume und 500 Ziersträucher, Heckenpflanzen und mehr zu pflegen und zu wässern. Viele Anwohnerinnen und Anwohner beteiligten sich an der Bewässerung von Straßenbäumen. So sah man viele Gartensprenger auf den Grünstreifen vor ihren Haustüren und fleißige Bürgerinnen und Bürger, die mit Gießkannen die Bäume gossen. Eine Schülergruppe des Vicco-von-Bülow-Gymnasiums kümmerte sich um die Grünfläche am Baumarkt „Stübing“ in der Karl-Liebknecht-/Karl-Marx-Straße. Hier hatten die Mädchen und Jungen eine Insektenwiese angelegt, die sie selbst bewässerten.

An alle helfenden Hände, die in dieser Zeit zum Erhalt des grünen Gesichts unserer Stadt beitrugen, möchte ich meinen Dank richten.

Die sehr lange Trockenheit und die anhaltenden hohen Temperaturen sorgten in unserer Region auch für eine hohe Brandgefahr auf Wiesen, Feldern und in den Wäldern. In den letzten drei Monaten gab es eine hohe Anzahl von Vegetationsbränden. Die Freiwillige Feuerwehr Falkensee war im Stadtgebiet Falkensee im Einsatz und wurde auch zu Einsätzen in umliegenden Gemeinden wie Dallgow-Döberitz oder Schönwalde-Glien gerufen. Auch beim großen Waldbrand in Fichtenwalde unterstützte die Freiwillige Feuerwehr Falkensee mit drei Fahrzeugen und sieben Einsatzkräften neben anderen Feuerwehren im Rahmen der Brandschutzeinheit Havelland.

Die Feuerwehr empfiehlt, sich unbedingt an die Verhaltensregeln entsprechend der aktuellen Waldbrandgefahrenstufe zu halten. In Wäldern und in Waldnähe gilt so etwa das Verbot von offenem Feuer. Aber auch Feuerwerke können schnell Brände bei der Trockenheit verursachen. An Badeseen sollten Kraftfahrzeuge nicht auf Wiesen und Feldern abgestellt werden, denn die Katalysatoren und andere Fahrzeugteile strahlen auch nach dem Abstellen noch eine lang anhaltende Hitze aus, wodurch ebenfalls Brände entstehen können.

Was selten sichtbar, jedoch deutlich fühlbar ist, ist die Auswirkung der Sonnen­einstrahlung auf Straßen und Asphaltflächen. Diese erhitzen sich und bei anhaltender Hitze kann es sogar dazu kommen, dass die Asphaltdecke weich wird. Anhaltend hohe Punktlasten auf den Straßen können dann leicht zu Verformungen der Oberfläche führen. Die Stadtverwaltung weist deshalb darauf hin, das längere Abstellen etwa von Motorrädern auf Asphaltstraßen bitte zu vermeiden.“

Wilhelm Garn – Bürgermeister Brieselang

Wilhelm Garn, Bürgermeister der Gemeinde Brieselang, haben wir gefragt, wie denn eigentlich die eigenen Mitarbeiter mit der Temperaturbelastung umgehen.

Wilhelm Garn: „In der Tat waren die extremen Temperaturen der letzten Monate auch für unsere Mitarbeiter eine echte Ausnahmesituation. Obwohl wir überall Klimageräte und Ventilatoren aufgestellt hatten, heizten sich einige Büroräume extrem auf. Ich freue mich, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotz der teilweise unerträglichen Hitze die Geschäftstätigkeit aufrecht erhalten haben. Allen Mitarbeitern stand Mineralwasser in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Auch konnte der Beginn der Arbeitszeit eigenständig durch die Mitarbeiter vorverlegt werden. Und ab und zu spendierte der Bürgermeister auch ein Eis.
Gerade in diesen heißen Wochen war das zusätzliche Wasser für die öffentlichen Grünanlagen und Pflanzen wichtig. Unsere Bauhofsmitarbeiter waren trotz der Hitze im Gemeindegebiet unterwegs und erledigten zuverlässig ihre Arbeit. Auch hier gehörte zur täglichen Beladung der Fahrzeuge die Kiste Mineralwasser für die Mitarbeiter mit dazu.

Bewundernswert war auch die Vielzahl der Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr bei diesen Temperaturen. Auch während der Hitze mussten die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr ihre Schutzkleidung tragen. Ich empfinde Hochachtung vor dem nicht immer einfachen Einsatz unter diesen erschwerten Bedingungen.“

Udo Appenzeller – Stadtjäger in Falkensee

Was haben die Hitzemonate eigentlich für einen Einfluss auf unsere Natur – vor allem auf die Wälder und auf das Wild, das hier lebt? Wir fragten den Falkenseer Stadtjäger Udo Appenzeller, der seit 16 Jahren auch Jagdpächter des genossenschaftlichen Jagdbezirkes Falkensee ‚Teufelsbruch‘ ist und sich als Mitglied des Präsidiums des Landesjagdverbandes für die Belange der Jäger stark macht.

Udo Appenzeller: „Das Jahr 2018 ist ein besonderes Jahr und das in jeglicher Hinsicht. So konnten wir den Hitzerekord des Jahrhunderts mit Temperaturen über 40 Grad aufstellen. Und seit Monaten hat es nahezu keinen messbaren Niederschlag gegeben. Die Folgen sind mit bloßem Auge sofort zu erspähen: vertrocknete, braun-gelb gefärbte Wiesen oder das, was von diesen Wiesen noch übrig geblieben ist. Junge Bäumchen der Kiefern und Eichen, die sogenannte „Naturverjüngung“, wurden im Wald nahezu vollständig vernichtet. Die älteren Laubbäume schalteten ebenfalls auf Not-Reserve und ließen bereits die ersten Blätter fallen. Die Eichen trennten sich viel zu früh von viel zu kleinen Eicheln. Die Getreideernte ist bis auf ein paar kleine Restflächen eingeholt – standortabhängig mit teilweise großen Verlusten wegen der Trockenheit.
Während wir Jäger nach Stunden im aufgeheizten Wald kalte Getränke aus dem Kühlschrank genießen können, sind die vielen Wildtiere in der freien Natur voll und ganz dem Klima ausgeliefert.

Die Singvögel können einen kleinen Temperaturausgleich erreichen, in dem sie sich aufplustern und so ein kühlendes Luftpolster zwischen Federkleid und Haut schaffen, oder indem sie mit den Beinchen länger als üblich in den noch wenigen verbleibenden Wasserlachen stehen bleiben. Ihre Nahrungssuche gestaltet sich aber in der Hitze ungleich schwieriger, weil Würmer und Larven aufgrund der Trockenheit tiefer ins Erdreich abtauchen und somit für die Vögel unerreichbar sind.

Das Rehwild passte sich den hohen Temperaturen an, indem es erst sehr spät am Abend oder in der Nacht aus dem Schutz des Waldes austrat, um zu äsen. Das Angebot an frischem Grün war jedoch für sie sehr stark eingeschränkt. Gerade die Rehe als Feinschmecker unter den Wildtieren litten unter dem Mangel an saftigem Gras oder frischen Knospen. Die bisher erlegten Rehe sind fast durchweg „untergewichtig“.

Die Wildschweine suchten nach Möglichkeit Wasserlöcher auf, um sich dort zu suhlen. Der Schlamm kühlt und hilft auch ein wenig gegen die stechenden Plagegeister aus der Luft.

Apropos Mücken und Stechfliegen. Aufgrund der langen Trockenperiode konnten wir als Jäger nahezu unbehelligt die Nacht auf dem Hochsitz verbringen. Wie schrecklich war es doch im Jahr 2017, als wir nur noch mit Mückenschleiern zur Pirsch aufbrechen konnten.

Als die Getreidefelder kürzlich noch „im Saft“ standen, haben sich die Wildschweine sehr zum Ärger der Jäger Nacht für Nacht über die Gersten-, Hafer- und Roggenhalme hergemacht und so ihren Hunger gestillt. In den Wäldern war nämlich der geringe Bestand aus Eicheln oder Bucheckern aus dem Jahr 2017 schon lange vertilgt. Die Großfamilien (Rotten) mit bis zu 30 Schweinen hatten Mühe, alle Familienmitglieder satt zu bekommen – und so gab es als Folge in diesem Jahr gleich mehrere „Totfunde“ von verhungerten Schweinen mitten auf dem Acker. Bei den Muttertieren war zu beobachten, dass sie nicht alle Frischlinge ausgetragen haben: Weniger Frischlinge, das bedeutet – mehr Milch für den einzelnen.

Zu viele Wildschweine, zu wenig Nahrungsangebot – das kann in diesem Jahr nicht gut ausgehen. Die Tiere haben bislang kaum Fett angesetzt, sind für ihr Alter oft untergewichtig und haben teilweise großflächig Reude – eine Folge der geringeren Abwehrkräfte. Der Winter 2018/2019 wird eine entscheidende Rolle bei den Wildschweinen spielen. Die Eichelmast als Hauptnahrungsangebot in den Wäldern ist wieder einmal spärlich ausgefallen und schnell aufgefressen. Wird der Winter 2018 ausnahmsweise mal lang und kalt, vielleicht noch mit viel Schnee, wird die Natur bei den jüngeren Schweinen ihren Tribut fordern und Dank einer natürlichen Auslese nur die Stärkeren überleben lassen.

Bodo Oehme, Bürgermeister Schönwalde-Glien

Die Gemeinde Schönwalde-Glien weist besonders viele Bäume auf. Schon das Sturmtief Xavier hat im Oktober 2017 für große Schäden im gesamten Gemeindegebiet gesorgt. Die große Hitze und die Trockenheit sorgen allerdings für eine ganz neue Gefahr, vor der Bürgermeister Bodo Oehme warnt – das ist der Grünastabbruch.

„So schön der Sommer in diesem Jahr auch ist – die Auswirkungen der Trockenheit sind bei uns im Gemeindegebiet auch in der Natur spürbar. Die Bäume ächzen regelrecht unter der Hitze. In Folge der sehr hohen Temperaturen beobachten wir verstärkt das Phänomen des so genannten Grünastabbruches“, betont Schönwalde-Gliens Bürgermeister Bodo Oehme.

Dieser unvorhersehbare Abbruch betrifft insbesondere die Baumarten Eiche, Pappel, Spitzahorn, Kastanie und Linde. Es können Äste bis zu 50 Zentimeter Durchmesser und darüber, sowohl entlang ihrer Achse als auch an der Astanbindung abbrechen.

„Das birgt Gefahren“, so Oehme weiter. „Im Traufbereich und unter den Eichen selbst sollte sich aktuell niemand aufhalten – der Sicherheit wegen. Zumal wir im gesamten Gemeindegebiet mehrfach solche Ereignisse haben feststellen können. Der Moment des Abbruchs ist nicht kalkulierbar und nicht vorhersehbar.“

Besonders in der Mittagszeit und am frühen Nachmittag sei die Häufigkeit am höchsten. So sollten Spaziergänger, aber auch spielende Kinder Bäume besser meiden.

Dr. Ulrich Wuttke, Havelland Kliniken, Nauen

Sogar auf die Menschen hatte das heiße extreme Sommerwetter spürbare Auswirkungen. Das stellte auch Dr. med. Ulrich Wuttke fest, seines Zeichens Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie in der Havelland Kliniken GmbH. Das Unternehmen betreibt u.a. eine Klinik mit Rettungsambulanz am Standort Nauen.

Dr. Ulrich Wuttke: „Die lang anhaltende Periode mit tropischer Hitze ist auch für ein Krankenhaus eine echte Herausforderung. In der Notfallversorgung mussten so – auch statistisch nachweisbar – mehr und vor allem auch jüngere Patienten mit Kreislaufproblemen behandelt werden, als dies sonst der Fall ist.

Vielfach ist hier neben einer nicht angepassten Dosierung der Blutdruckmedikamente bei älteren Mitmenschen auch unvernünftiges Verhalten (Sport oder Gartenarbeit in der Hitze) eine wesentliche Ursache. Durch das vermehrte Schwitzen kommt es sowohl zu einem Flüssigkeits- als auch zu einem Salzverlust. Gerade Patienten, die Wassertabletten, sogenannte Diuretika, einnehmen, sollten hier Rücksprache mit ihrem Hausarzt halten, ob eine Dosisanpassung notwendig ist.

Bei uns wurden in den letzten Wochen vermehrt Patienten mit einer Exsikkose, also einem bedrohlichen Flüssigkeitsmangel, behandelt. Durch den Salzverlust kann es insbesondere bei der gleichzeitigen Einnahme von manchen Medikamenten zu Herzrhythmusstörungen kommen.

Oft haben wir in letzter Zeit Menschen mit neu auftretenden heftigen Kopfschmerzen behandelt. Nach der Gabe von Infusionen und dem Ausgleich des Flüssigkeitshaushalts waren manche dieser Patienten wieder beschwerdefrei. Folglich sollte man bei diesen Temperaturen stets auf eine ausreichende Trinkmenge achten. Die empfohlenen zwei Liter pro Tag gelten aktuell nicht, im Moment sind eher vier Liter anzusetzen. Dabei sollte man nicht erst dann trinken, wenn der Durst da ist, sondern über den ganzen Tag verteilt Flüssigkeit zu sich nehmen. Leider wird die tatsächlich aufgenommene Flüssigkeit oft überschätzt. Auch ist Kaffee aktuell eher schädlich. Am besten ist es, morgens eine größere Menge Tee oder Wasser kühl zu stellen und davon regelmäßig zu konsumieren. Durst ist ein ernst zu nehmendes Alarmsignal des Körpers!

Aber nicht nur Kreislaufstörungen sind ein Problem. Auch die direkte Schädigung der Haut durch die Sonne ist ein häufiger Grund für das Aufsuchen ärztlicher Hilfe. Ein Sonnenbrand ist nicht nur ein akutes, schmerzhaftes Problem. Die Langzeitschädigung der Haut durch die hohe UV-Strahlung in letzter Zeit lässt sich nur schwer abschätzen. Eine Verbrennung sollte auf jeden Fall vermieden werden, da hierdurch das Risiko für eine der bösartigsten Krebsarten, den schwarzen Hautkrebs, das „Melanom“, massiv ansteigt. Selbst leichte Rötungen der Haut sind hoch gefährlich. Folglich sollte man auf einen ausreichenden UV-Schutz durch Sonnencréme achten und durch Bedecken der Haut mit luftiger Kleidung und vor allem durch einen möglichst kurzzeitigen Aufenthalt im Freien einem Sonnenbrand vorbeugen. Sollte es doch einmal leider zu einem Sonnenbrand gekommen sein, ist das selten ein Fall für die Notfallversorgung. Vielmehr kann man durch selbstständiges Kühlen bereits eine Linderung erreichen. Bei Blasenbildung wäre jedoch zeitnah der Hausarzt aufzusuchen oder der kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter der Rufnummer 116 117 um Rat zu fragen.“

Antonia Stahl, Allgemein­ärztin in Falkensee

Was der Arzt im Krankenhaus feststellt, bestätigt auch die Allgemeinärztin in der Praxis. Dr. med. Antonia Stahl ergänzt:

„Ein unangenehmer Nebeneffekt der Hitze: Dieses Jahr haben wir so viele Zecken wie schon lange nicht mehr. Wir sehen in der Praxis zunehmend Zeckenbisse und oft auch infizierte Insektenstiche. Um sich davor zu schützen, sollte man nur in langen Hosen ins hohe Gras oder in den Wald gehen und jeden Abend den Körper nach Zecken absuchen. Helle Kleidung nimmt die Sonnenwärme nicht so auf und man erkennt die kleinen Krabbeltiere leichter.“

Heiko Hackbarth, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft Falkensee

Heiko Hackbarth ist Vorsitzender der Ortsgruppe Falkensee e.V. der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Die Falkenseer Rettungsschwimmer waren in diesem Sommer wieder im Zentralen Wasserrettungsdienst – Küste (kurz ZWRD-K) eingesetzt und haben mit weiteren DLRG-Aktiven für die Sicherheit in den Badezonen an Nord- und Ostsee gesorgt. Vor Ort ist die Ortsgruppe Falkensee seit 2014 aktiv und hat aktuell rund 50 Mitglieder. Neben der Ausbildung von Rettungsschwimmern übernimmt die Ortsgruppe Falkensee auch wasserrettungsdienstliche und sanitätsdienstliche Absicherungen.

Heiko Hackbarth berichtet: „Der diesjährige sehr heiße und trockene Sommer beschäftigt auch die DLRG mehr als sonst. Badestellen und Strände sind natürlich bei diesem schönen Wetter besonders beliebt und werden entsprechend gut besucht.

Allein in Brandenburg sind in den ersten sieben Monaten des Jahres bereits 19 Menschen in den Gewässern ertrunken. Deutschlandweit sind es schon 279 Menschen. Das sind 37 mehr als im Jahr zuvor.

Die meisten Ertrinkungsfälle ereignen sich wie so oft an den ungesicherten Badestellen vor allem im Binnenland. Um so wichtiger ist es, dass auch dort zunehmend Rettungsschwimmer vor Ort sind. Hier sind natürlich die Kommunen und Badbetreiber in der Pflicht, für mehr Sicherheit zu sorgen – ein schlichtes Badeverbotsschild reicht leider nicht aus! Die Schilder helfen eigentlich nur dabei, sich rechtlich abzusichern. Die eigentlichen Gefahren werden nicht beseitigt. So müssen wir für Falkensee noch einmal betonen: Das Baden im Falkenhagener See ist untersagt – und eine offizielle Badestelle, die wir als DLRG betreuen könnten, gibt es nicht.

Dass es zu so vielen Ertrunkenen kommt, liegt sicherlich auch daran, dass immer mehr Menschen nicht richtig schwimmen können. Wo lernen die Leute das Schwimmen? Im Schwimmbad. Sicher ist dies auch im Falkenseer Waldbad möglich, aber eben nur von Mai bis August. Acht weitere Monate ist das Schwimmenlernen in Falkensee nicht möglich. In weit entfernten Hallenbädern geht das, aber für eine Stadt von über 45.000 Einwohnern wie Falkensee – die damit auch einen großen Anteil an Kindern und Jugendlichen hat – ist ein Hallenbad zwingend nötig, um eine adäquate Schwimmausbildung kontinuierlich und effektiv anbieten zu können.

Sicherlich muss man aber auch sagen, dass klare Hauptursachen für viele Unfalltote in den Gewässern auch Leichtsinn, Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung sind.
Naturgemäß gibt es in diesem heißen Sommer auch deutlich mehr Fälle von Hitzschlag und Sonnenstich, die wir behandeln müssen. Die Risiken werden hier oft nicht ernst genommen und die Menschen verbringen viel zu viel Zeit ungeschützt in der prallen Sonne.

Ein stark aufgeheizter Körper kann beim Sprung ins kühlere Nass leicht zu Kreislaufproblemen führen. Hinzu kommt, dass in einigen Gewässern das Wasser in den etwas tieferen Schichten deutlich kälter ist, was beim Eintauchen in diese Schichten zu ernsthaften Kreislaufproblemen führen kann.“

Dirk Peters, Geschäftsführer Agro-Farm Nauen

Dirk Peters ist Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Betriebs Agro-Farm in Nauen. Der landwirtschaftliche Marktfruchtbetrieb bewirtschaftet rund 2.500 Hektar im Havelland, beschäftigt 20 Mitarbeiter und setzt auf eine eigene Produktionskette vom Rohstoffanbau bis zur Energiegewinnung. Dirk Peters ist außerdem Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Er berichtet, wie die Landwirte unter dem Extremsommer gelitten haben – und welche Konsequenzen die Ernteausfälle haben.

Dirk Peters: „Zunächst einmal: Für uns Landwirte ist nicht die starke Hitze in diesem Jahr das Problem, sondern der fehlende Niederschlag. Seit April gab es keine nennenswerten Niederschläge mehr. Wir haben auf den Flächen ein Defizit von 160 Litern auf den Quadratmeter. Das wirkt sich auf alle unsere Kulturen aus.

Ich habe schon am 27. Juni auf 160 Hektar die Gerste eingefahren. Das war die früheste Ernte meiner Berufslaufbahn. Und am 28. Juni um 17 Uhr war ich bereits fertig. Denn es gab nicht viel zu ernten. Die Gerste bildet unter dem Wassermangel eine sogenannte Notreife aus. Die dabei ausgebildeten Körner sind deutlich kleiner als sonst üblich. Und sie weisen nur einen sehr kleinen Mehlkörper aus. Kümmerkörner nennen wir das. Das ist natürlich ein Korn minderer Qualität, das wird am Markt auch ganz anders bezahlt. Da ist es kein Wunder, dass die deutschen Getreidepreise lange Zeit am Boden lagen. Sie ziehen gerade erst wieder ein wenig an.

Beim Getreide hatten wir bis zu 35 Prozent Einbußen. Und mein Betrieb hat zum allerersten Mal unter drei Tonnen Raps pro Hektar geerntet – das gab‘s noch nie.
Natürlich gab es einige wenige Betriebe in unserer Region, die trotz des aktuellen Wetters fast normale Ernten verzeichnen konnten. Sie hatten Glück und haben einfach ein paar Regengüsse mehr abbekommen als die anderen. Im West-Havelland ab Friesack sieht es dafür richtig schlimm aus. Da ist die Lage dramatisch, das ist Katastrophe pur.

Wir auf der Agro-Farm haben auch mit dem Mais große Probleme. Am 23. Juli haben wir – fünf Wochen zu früh – 47 Hektar Mais gehäxelt, um ihn wenigstens noch als Futter für die Tiere oder für unsere Biogas­anlage verwenden zu können. Der Mais stirbt uns zurzeit auf den Feldern weg. Viele Maiskolben hat er jedenfalls nicht ausgebildet. Insofern Kolben vorhanden ist, haben sie nur halbe Größe und weisen auch nicht sehr viele Körner auf.

Das Problem von uns Landwirten ist ja auch: Bereits das letzte Jahr war schon ein echtes Katastrophenjahr. Da sind uns die Felder abgesoffen, sodass wir mit den schweren Maschinen nicht auf die Flächen kamen. So konnten wir bereits im vergangenen Jahr keine Reserven anlegen. Und in diesem Jahr wird es noch dramatischer. Das sind keine normalen Wetterlagen mehr, die wir durchmachen, das sind Ex­tremwetterlagen. Da wird am Klimawandel schon etwas dran sein. Da solche Wetter­extreme zunehmen werden, werden wir auf Pflanzenkulturen angewiesen sein, die besser mit diesem Extremwetter zurechtkommen.

Eine große Dramatik dürfen wir auch nicht verschweigen: Es fehlt in diesem Jahr am Futter für die Tiere. Ansonsten haben wir auf den Grünflächen bis zu vier Mal im Jahr einen Schnitt machen können, um Silage anzulegen – das ist das Futter etwa für die Kühe, das im Winter verfüttert wird. In diesem Jahr konnten wir nur den allerersten Grünschnitt einfahren, dann ist uns das Gras bereits komplett vertrocknet. Abgesehen davon, dass wir die Grünflächen im kommenden Jahr neu aussähen müssen: Wir laufen nun sehenden Auges in die nächste Katastrophe.

Ich denke, dass einige Betriebe ab Weihnachten Mühe damit haben werden, die Tiere ausreichend zu füttern. Ich rede hier von einem komplett leergefegten Markt und nicht nur von steigenden Preisen bei wachsender Nachfrage. Viele Betriebe werden dann ihre Tierbestände reduzieren müssen, was wiederum den Fleischpreis aufgrund des steigenden Angebots in den Keller treibt.

Viele Milchbetriebe in der Region haben ja schon aufgegeben, als der Milchpreis so sehr im Keller war. Im Winter werden weitere Betriebe aufgeben.

Aufgrund der vielen Katastrophen erlebe ich im Havelland bei den Landwirten zurzeit eine ganz eigenartige Stimmung, wie ich sie nicht kenne. Wir fordern als Landwirte nun Unterstützung von der Regierung, hier muss etwas passieren, wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Man muss sich das klar vor Augen führen: In diesem Jahr ist es uns in Deutschland erstmals nicht möglich, die Bevölkerung aus eigener Kraft zu ernähren. Wir Bauern haben einen Schaden zu verzeichnen, der inzwischen die Höhe von drei Milliarden Euro überschritten hat – in Brandenburg ist von 280 Millionen die Rede. Dabei reden wir nicht einmal davon, dass wir eine finanzielle Entschädigung erwarten. Wir fordern z.B. eine Risikoausgleichsrücklage, also die Möglichkeit, in guten Jahren Gelder steuerfrei zurückzulegen, auf die dann in schlechten Jahren zurückgegriffen werden kann.“

Roger Lewandowski, Landrat Havelland

Der Landrat Roger Lewandowski meldet sich mit dem folgenden Schlusswort zum Havelland zu Wort: „Tropische Temperaturen, sternenklare Nächte und abendliche Temperaturen bis zu 30 Grad: Dieser Sommer wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Ein perfekter Sommer, möchte man meinen.

Doch die anhaltend hohen Temperaturen und die ausbleibenden Niederschläge hatten auch ihre Schattenseiten, insbesondere für unsere Landwirtschaft. Unser Landwirtschaftsamt hat eine Erhebung zu den Ernteerträgen durchgeführt. Die derzeitige Bilanz zeigt, dass beim aktuellen Erntestand – Getreide- und Rapsernte sind abgeschlossen und die Ernte der von Notreife betroffenen Maisbestände hat begonnen – insbesondere bei Getreide, Mais und den anderen für die Erhaltung der Tierbestände benötigten Futterflächen Ertragsausfälle von bis zu 50 Prozent zu verzeichnen sind. Das stellt die Bauern vor enorme Herausforderungen. Die Zahlen haben wir bereits an das Ministerium für Ländliche Entwicklung gegeben, sodass finanzielle Hilfen durch das Land und auch den Bund schneller greifen können.

In diesem Zusammenhang muss man auch den Einsatz der Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren im Kreis nennen. Ohne ihre Unterstützung wäre es auf den Feldern wahrscheinlich zu noch höheren Ausfällen gekommen. Allein bis Ende Juli war die Gesamtzahl der Brandeinsätze von 2017 bereits überschritten. Unsere Ehrenamtlichen in der Feuerwehr waren stark gefordert. Nicht nur im Kreis, sondern auch über die Kreisgrenzen hinaus, wenn ich an den Einsatz in Fichtenwalde erinnere. Aufgrund der Munitionsbelastung in dem Brandgebiet standen unsere Einsatzkräfte vor einer kräftezehrenden Herausforderung, die sie erfolgreich gemeistert haben. Über 100 Kräfte aus dem Havelland waren hier im Einsatz.

Ich bin froh und dankbar, dass die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer alle gesund vom Einsatz in Fichtenwalde und auch von allen anderen Einsätzen im Kreis zurückgekehrt sind. Das Katastrophenschutzsystem in Deutschland fußt zu 90 Prozent auf ehrenamtlichem Engagement. Auf Helfer, die in ihrer Freizeit anderen Menschen in Notlagen Hilfe leisten, ohne finanziell dafür entschädigt zu werden. An dieser Stelle danke ich allen Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr und allen anderen Hilfseinheiten für ihren unermüdlichen und engagierten Einsatz in diesem durch die Hitze so herausfordernden Sommer.“ (Text: CS / Fotos: CS, Stadt Falkensee, Stahl)

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