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26.08.2018

Scheibes Kolumne: Leider blind wie ein Fisch!

Scheibes Kolumne: Leider blind  wie ein Fisch!

Ich lese gerade die Schlagzeile „Dunkle Schokolade verbessert die Sehstärke“. Das erinnert mich an die Tatsache, dass bei mir das Sehen der deutliche Indikator für einen rasch voranschreitenden körperlichen Verfall ist. Das begann bereits in der Schule, genauer gesagt auf dem Gymnasium.

Lange Jahre lang konnte ich sehen wie ein Adler und fühlte mich auch in der Nacht sicher wie eine Katze auf der Jagd. Dann bemerkte ich aber am Ende der 7. Klasse, dass es eine schlechte Strategie ist, mich immer in die letzte Reihe zu setzen: Ich konnte die Tafel nicht mehr lesen. Das führte dazu, dass ich so sehr mit den Augen kneifen musste, dass zwei Dinge passierten. Ich bekam Kopfschmerzen. Und: Die Lehrer dachten, ich sei höllisch bei der Sache und würde angestrengt über Redoxpotenziale in der Chemie oder über die Tragik der Familie Mann in der deutschen Literatur nachdenken.

Mein schlimmstes Erlebnis: Auf einem U-Bahnhof in Berlin winkte mir ein hübsches Mädchen aus der Ferne zu. Erst im Nähergehen bemerkte ich, dass es mein hässlicher Kumpel war. So kam ich zu meiner ersten Brille. Die musste ich dann auch im Auto tragen, so stand es in meinem Führerschein. Einmal trampte ich von Köln zurück nach Berlin. Und landete im Auto eines Hippies, der auf der Fahrt gefühlt sechs Bier und drei Joints inhalierte. Als ich ihm anbot, an seiner Stelle durch die damalige DDR zu fahren, winkte er ab: „Ey, du hast deine Brille nicht dabei, und ohne darfst du nicht fahren. Steht so in deinem Führerschein, haste selbst gesagt.“

Angesichts meiner nachlassenden Sehstärke musste ich mir bald angewöhnen, die Brille permanent zu tragen. Blind wie ein Maulwurf – ohne Brille konnte ich nur noch den Kosmos in Armlänge um mich herum wahrnehmen. In einem Urlaub auf den Kanaren schaffte ich es dann, meine Brille gleich am ersten Tag so auf den Steinboden fallenzulassen, dass das eine Glas einen Spinnennetzmuster bekam wie ein zersplittertes iPhone-Display. Meine Ersatzbrille, von Zuhause nachgeschickt, kam genau am letzten Tag an. Bis dahin sah ich im Urlaub eben alles nur halbseitig.

Apropos Sonne und Sonnenbrille. Eine Sonnenbrille macht für mich natürlich nur dann Sinn, wenn ihre Gläser an meine Sehstärke angepasst sind. Und so habe ich immer eine Sonnenbrille mit meinen Werten im Urlaub mit dabei. In einem Florida-Urlaub habe ich gemerkt, dass es deutlich mehr Sinn ergibt, sich blind in die Wellen zu stürzen als mit der Sonnenbrille auf der Nase. Es dauerte genau drei hohe Wellen – und weg war sie. Im Nachhinein musste ich erfahren, dass der Rest der Familie am Strand gehockt hat, um darauf zu wetten, wie viele Wellen es braucht, bis die Brille vom Meer verschluckt wird. Danke schön! Noch heute kann ich über keinen Strand gehen, ohne zu schauen, ob meine Brille nicht vielleicht gerade angespült wird.

Leider wird es mit der Sehkraft nicht besser. Ganz im Gegenteil. Inzwischen hat sich auch die Sehkraft in der Nacht vollständig von mir verabschiedet. Wenn ich nun nachts Auto fahre, dann nur noch mit Navigations-App. Denn nachts sieht für mich auf einmal alles fremd aus. Ich erkenne selbst die Straßenzüge nicht wieder, durch die ich täglich zehn Mal fahre – und glaube, abwechselnd in Hamburg, Marrakesch oder Miami Beach zu sein. Von Orientierung keine Spur mehr. Das ist beängstigend.

Noch schlimmer: Ich konnte stets alles sehen, was sich direkt vor meiner Nase befindet ist. Auch vorbei! Inzwischen kann ich Texte nur noch lesen, wenn sie exakt zehn Zentimeter vor meinen Augen schweben. Was idiotisch aussieht, wenn ich so versuche, eine SMS auf meinem Handy zu lesen.

Ich glaube, ich bin bald so weit, um mir das ultimative Zugeständnis ans Alter zuzulegen – eine Gleitsichtbrille. Die Optikermeisterin meines Vertrauens tätschelt mir schon das Händchen: „Gemeinsam schaffen wir das“.

Übrigens: Ich bin schon lange vom gedruckten Buch auf den elektronischen Lesespaß umgestiegen. Und warum? Hier kann ich die Buchstabengröße auf dem Display perfekt an meine blinden Augen anpassen. Nebenbei esse ich viel dunkle Schokolade. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

Dieser Artikel wurde in „FALKENSEE.aktuell – Unser Havelland“ Ausgabe 147 (6/2018) veröffentlicht.

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