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26.12.2018

Zeitzeugin in der Falkenseer Geschwister-Scholl-Grundschule: Gegen das Vergessen

Zeitzeugin in der Falkenseer Geschwister-Scholl-Grundschule: Gegen das Vergessen

Die Geschwister-Scholl-Grundschule in Falkensee trägt ihren Namen mit Stolz – und sieht sich auch in der Verantwortung, sich intensiv mit der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen. Umso mehr freute sich die Klassenlehrerin der 6c – Andrea Gheorghe – über einen ungewohnten Besuch.

Tamar Landau (87) war als jüdische Zeitzeugin aus Israel angereist, um den Kindern eine Unterrichtstunde lang vom Holocaust und ihren eigenen schrecklichen Erfahrungen zu berichten.

Ingo Wellmann vom Creativen Zentrum „Haus am Anger“ begleitete Tamar Landau. Sie hatte ein paar Tage vorher bereits im Haus am Anger vor Publikum gesprochen. Für Ingo Wellmann ist die 6c „seine“ Klasse, mit der er bereits seit geraumer Zeit am schulübergreifenden Projekt „Klasse Kunst“ arbeitet. Er stellte die Zeitzeugin den Kindern vor und fragte in die Runde: „Seid ihr mit euren elf, zwölf Jahre nicht zu jung für einen solchen Vortrag mit schrecklichen Erlebnissen? Nein, ihr seid genau im gleichen Alter, in dem Tamar war, als ihre Leidensgeschichte in Nazi-Deutschland begann.“

Und Tamar, die damals vor ihrer Ausreise nach Israel noch Berta hieß, erzählt den Kindern davon, dass sie mit ihren Eltern und den beiden kleineren Geschwistern in Beuthen (Schlesien) aufgewachsen ist und hier den jüdischen Kindergarten und die Grundschule besucht hat: „Man kann schlecht verstehen, was Nazis sind. Ich kann mir auch heute bis ins hohe Alter hin­ein nicht erklären, was die Nazis damals eigentlich wollten. Ich möchte euch aus dieser Zeit nicht alles erzählen, denn ich habe sehr viel Schlimmes erlebt. In eurem Alter war ich schon im Arbeitslager. Alles begann mit der ‚Kristallnacht‘, habt ihr schon davon gehört? Das war am 9. November 1938. Damals haben die Deutschen alle Synagogen im Land abgebrannt, in Berlin haben sie nur eine ausgelassen, da hatten sie Angst, dass die Nachbarhäuser auch brennen würden. Die Synagogen sind für die Juden das, was die Kirchen für die Christen sind. Nach dieser Nacht fing unser Leidensweg an. Ein Polizist kam zu uns in die Wohnung und sagte uns: ‚Heute gibt es keine Schule, ihr bleibt Zuhause, ihr müsst die Stadt verlassen‘.“

Tamar und ihre Familie durften damals in die Nähe von Krakau in Polen ziehen, weil sie dort Verwandte hatten. Die Großeltern lebten dort. Tamar Landau: „In diesem Ghetto bei Krakau sprachen alle nur polnisch, das konnte ich ja gar nicht. Als Kinder wurden wir damals immer nur ‚Hitler-Kinder‘ genannt. Das hat mich sehr betroffen gemacht, denn wegen Hitler hatten wir ja unsere Heimat verloren. Aber es wurde noch schlimmer. Mein Vater musste in die Zwangsarbeit. Und dann passierte es. Im Rahmen einer ‚Aktion‘, so nannten die Nazis das, rollte ein Lastwagen über die Straße und sammelte willkürlich Leute aus dem Ghetto ein. Wir mussten ja alle einen Judenstern tragen. Meine Mutter und meine beiden Geschwister liefen gerade Hand in Hand über die Straße. Sie wurden sofort aufs Auto aufgeladen und nach Ausschwitz gebracht. Ich habe sie alle drei seitdem nie wiedergesehen.“

Tamar Landau erzählt den Kindern von ihren Erlebnissen in genau diesen Worten. Sie lässt spürbar viele schlimme Details aus, berichtet aber zugleich so bildgewaltig, dass die Schüler an ihren Lippen kleben und der Geschichte lauschen. Die Zeitzeugin stellt selbst auch viele Fragen und lobt die Kinder für jede richtige Antwort.

Tamar Landau: „Ich blieb dann alleine mit meinem Vater zurück. Der musste aber jeden Tag in die Zwangsarbeit. Abends schrieb er für viele aus dem Ghetto Gesuche an die Deutschen. Er konnte ja als einer der wenigen Deutsch schreiben. Aber es kam noch schlimmer. Denn die Nazis wollten damals judenfreie Städte haben. Und so kamen wir in ein Durchgangslager bei Auschwitz. Da wurden wir sortiert. Es gab vier Reihen, an denen man sich anstellen konnte. Eine war für die Krüppel, eine für die Verwundeten, eine für die Kinder und eine für alle, die arbeiten konnten. Ich war ja erst elf Jahre alt, ich stellte mich natürlich bei den Kindern an. Wäre ich dort geblieben, dann würde ich heute hier nicht stehen, denn die Kinder wurden alle ins Gas geschickt, sie wurden ermordet. Plötzlich gab es aus der Reihe der Arbeiter ein Riesengeschrei. Das war meine Kusine Helene. Sie zeigte auf mich und rief: ‚Die ist 15, die kann arbeiten.‘ Das war gelogen, ich war ja erst elf. Aber das war mein Glück. So kam ich ins Arbeitslager. Das war an der Oder in Niederschlesien. In diesem Arbeitslager arbeiteten tausend jüdische Frauen. Die sprachen auch alle nur polnisch. Meine Kusine hat für mich übersetzt. Ich war die Jüngste im Lager. Jeden Morgen mussten wir in die Fabrik, um aus Flachs Fäden zu spinnen. Der Flachs wurde durch kochendes Wasser gezogen. Ich musste die rostigen Flügel drehen und den kochend heißen Flachs neu knoten, sobald er riss. Meine Hände waren braun vom Rost und doppelt so dick von der Hitze. Das ging so von früh morgens bis abends. Abends gab es für uns nur eine dünne Suppe und eine Schnitte Brot. Es war auch immer bitter kalt. Und Kinder, was meint ihr, wer war schlimmer als Aufseher? Die Männer oder die Frauen? Die Frauen waren es. Sie standen mit der Peitsche hinter uns und haben uns gnadenlos angetrieben, wir sollen schneller arbeiten. Zweieinhalb Jahre habe ich das gemacht.“

Aber es kam noch schlimmer. Im Frühjahr 1945 näherte sich die Sowjetarmee dem Lager. Damit die Russen vor Ort niemanden mehr vorfinden, schickte man die tausend Frauen auf einen sogenannten Todesmarsch. 42 Tage marschierten die Frauen mitten im Winter durch hohen Schnee, um die Sudeten zu überwinden – mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Hamburg als Ziel.

Tamar Landau: „Wir haben uns die Holzpantoffeln mit Stofffetzen an den Füßen festgebunden, damit wir sie im hohen Schnee nicht verlieren. Dabei habe ich mir zwei Zehen abgefroren. Unterwegs haben wir in ausgebombten Scheunen oder mitten auf dem Feld geschlafen. Gegessen haben wir, was wir gefunden haben. Nur 200 der tausend Frauen haben den Todesmarsch überlebt.“

Im Lager Bergen-Belsen, in dem auch Anne Frank zu Tode gekommen ist, beschreibt die Zeitzeugin schreckliche Bedingungen: „Da war alles verschlammt, jeder hatte Läuse, viele waren totkrank, es gab kein Essen. Am 15. April 45 wurde das Lager befreit. Am Tag vorher wollte die Lagerleitung noch eine Extraration Brot verteilen. Dazu kam es zum Glück nicht mehr, denn das Brot wäre mit Rattengift und Glasscherben versetzt gewesen. Direkt am Tag der Befreiung ist meine Kusine Helene in meinen Armen gestorben. Viele sind nach der Befreiung zur Genesung nach Schweden gegangen. Ich bin geblieben, weil meine Eltern immer gesagt haben, dass wir uns nach dem Krieg wiedertreffen werden. Aber ich habe keinen von ihnen mehr getroffen. Ich blieb dann in einem Kinderheim. Da habe ich meinen späteren Mann kennengelernt, der sich drei Jahre in Berlin versteckt hatte.“

Berta wandert mit 14 Jahren nach Israel aus, wird zu Tamar und spricht viele Jahrzehnte kein Wort Deutsch mehr. Bis sie beginnt, als Zeitzeugin gegen das Vergessen anzugehen. Den Kindern rät sie eins: „Sprecht bitte mit euren Groß- und Urgroßeltern, solange sie noch da sind, und fragt sie nach ihren Erlebnissen aus dem Krieg.“ (Text/Fotos: CS)

Dieser Artikel wurde in „FALKENSEE.aktuell – Unser Havelland“ Ausgabe 152 (11/2018) veröffentlicht.

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